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Doppelt Unverpackt in Hamburg: Stückgut

Keine Verpackung, kein Müll: Wer bei „Stückgut“ einkaufen möchte, bringt seine eigenen Behälter, Gläser und Beutel schon mit. Hier gehen nämlich selbst die Haferflocken unverpackt über den Tresen. Vor knapp zwei Jahren eröffnete Sonja Schelbach mit drei Kollegen den Unverpackt-Laden in Hamburg-Ottensen. Inzwischen gibt es eine weitere Filiale auf St. Pauli.

Ein etwa Siebzigjähriger mit Baskenmütze und bester Laune stellt seine beiden Taschen auf den Boden und strahlt. „Das ist hier ja wie in alten Zeiten“, sagt er und lässt seinen Blick schweifen über Linsen, Dinkelflocken, Walnüsse und all die anderen Waren, die hier im Unverpackt-Laden „Stückgut“ in länglichen Spendern an den Wänden hängen. „So haben wir früher immer eingekauft“, erzählt er und erinnert sich an Milchkannen, Tücher und Säcke, mit denen er als kleiner Junge zum Einkaufen geschickt wurde. Heute hat er keine Behältnisse dabei, den Laden in der Rindermarkthalle auf St. Pauli hat er wohl gerade erst entdeckt.

Ein paar Schritte weiter drängelt sich eine Horde Kindergartenkinder um einen kleinen Tisch, auf dem eine Waage steht. Die Erzieherin erklärt, wie das Einkaufen hier funktioniert. Dass das mitgebrachte Gefäß gewogen werden muss, um das Gewicht anschließend vom Gesamtgewicht abziehen zu können. Ein kleines bisschen interessanter als die Waage erscheint einigen Kindern die Schokolade, die in großen zerbrochenen Stücken in Gläsern auf dem Tresen steht wie Edelbitterschokolade mit Meersalz oder Vollmilchschokolade mit Kakaobohnensplittern. Für jeden Geschmack ist was dabei.

Gläser mit Bruchschokolade
Schokolade, Nougat, Lakritz und viele andere Köstlichkeiten locken im Laden.

Ein ziemlich gemischtes Publikum geht hier ein und aus: die vegane Studentin genauso wie der engagierte Rentner, die umweltbewusste Vorstadthausfrau, der Öko und auch Otto Normal. Großstadt eben. Im Januar 2017 startete „Stückgut“ mit dem ersten Laden in Hamburg-Ottensen, nur einen Katzensprung vom Bahnhof Altona entfernt. Im April 2018 folgte die Filiale auf St. Pauli. Etwa 600 Produkte bietet „Stückgut“ inzwischen in Ottensen an, 650-700 auf St. Pauli. „Weitere Standorte sind momentan nicht geplant. Wir wollen erstmal konsolidieren. Eine schnelle Expansion entspricht nicht unserer Philosophie“, sagt Sonja Schelbach, die zusammen mit ihren drei Partnern Insa Dehne, Christiane Bors und Dominik Lorenzen das Projekt von Anfang an gestemmt hat.

Warenspender in zwei Reihen
Bedarfsgerechtes Einkaufen per Hebelzug.

Mit Sonja habe ich mich unterhalten über große Firmen, kleine Manufakturen, Vertrauen, Umdenken, ambitionierte Mütter und Werbeflächen.

Die Welt vermüllt mehr und mehr. Wann hast du angefangen, dich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen?

Sonja: Ich bin in einer nachhaltig denkenden Familie groß geworden. Insofern ist Müllvermeidung und Umweltschutz für mich immer ein Thema gewesen. In den 80er und 90-Jahren war ich in der BUND-Jugend aktiv und habe auch bei uns im Gymnasium Aktionen gestartet. Wir haben da zum Beispiel mal den ganzen Müll, der an einem Tag anfiel, in der Pausenhalle auf eine große Plastikfolie ausgekippt und mit einem Schild auf die Thematik aufmerksam gemacht. Außerdem wurde bei uns immer auf dem Markt gekauft und frisch gekocht. Und das trägt natürlich auch schon sehr zur Müllvermeidung bei.

Gehört dem verpackungsfreien Einkauf die Zukunft oder bleibt er ein Nischenphänomen? 

Sonja: Ich glaube nicht, dass die ganzen Supermärkte im großen Stil auf „Unverpackt“ umsteigen werden. Dafür ist der Aufwand einfach zu groß, es ist nicht wirtschaftlich genug. Das, was man hier im Laden sieht, nämlich dass Kunden kommen und Kaffee in ihre mitgebrachte Kaffeedose füllen oder Haferflocken in ihre Haferflockenbehälter, ist ja nur ein kleiner Teil des Ganzen. Wir versuchen, die Produkte auch so zu beziehen, dass dabei wenig Müll anfällt und immer die bestmögliche Lösung zu finden. Das sind dann häufig kleine und regionale Lösungen mit Manufakturen hier, kleineren Produzenten und Bauern, die sich darauf einlassen.

Kernseifenstücke in einer kleinen Holzkiste
Kernseife ist die Grundzutat für selbstgemachte Reiniger und Pflegeprodukte.

Mit großen Firmen ist das also nicht machbar?

Sonja: Viele große Firmen wollen nicht auf die Werbefläche verzichten, die Verpackungen mit sich bringen. Genau das ärgert auch viele Kunden: Verpackungen, die maximal bis zu zwei Drittel gefüllt sind. Aber wir wollen ja sowieso nicht mit den großen Konzernen zusammenarbeiten. Das passt nicht zu unserer Philosophie.

Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen ihr zu kämpfen habt?

Sonja: In erster Linie die Verfügbarkeit der Waren, so wie wir sie haben wollen. Das ist immer schwierig. Dann kommt doch wieder ein Karton mit Waren, der bis oben hin voll ist mit Styroporraspeln. Da muss man immer wieder nachhaken und dranbleiben. Das ist ziemlich zeitaufwendig.

Hat das verpackungsfreie Einkaufen seine Grenzen? Welche Art von Produkten gehen schlecht oder gar nicht?

Sonja: Wir verkaufen natürlich viele Trockenprodukte wie Haferflocken, Reis, Hülsenfrüchte und Nüsse, die hier an den Wänden hängen. Die Spender sind übrigens – soweit ich weiß – quasi zweckentfremdet. Sie nämlich sind nicht entwickelt worden, um Müll einzusparen, sondern um Kunden die Möglichkeit zu geben, beliebige Mengen und beliebige Mischungen zusammenzustellen. Neben diesen Trockenprodukten verkaufen wir auch eine Menge Hygieneartikel wie Seifen, Zahnputztabletten oder waschbare Abschmink-Pads. Das geht alles ohne Probleme. Flüssige Produkte sind schwieriger. Wir haben Öl und Essig, Sojasauce, aber auch Flüssigseifen und -waschmittel. Die machen deutlich mehr Arbeit, weil auch immer was daneben geht und das Reinigen der Behälter viel aufwendiger ist.

Edelstahlspender im Regal
Ein paar alte Obstkisten dienen als Regal für Sojasauce und Öle.
Spender mit Flüssigseife, Duschgel und Waschmittel zum Abfüllen.
Flüssigseife, Duschgel und Waschmittel zum Abfüllen.

Und dann gibt es Sachen, bei denen wir von Anfang an gesagt haben, das wir die nicht verkaufen werden: Frischfleisch, Fisch, Geflügel. Diese Dinge kann man auch gut anderswo unverpackt einkaufen.

Wer unverpackt einkauft, muss bereit sein, sich einzuschränken. Während man in den meisten „normalen“ Läden die Wahl zwischen etlichen Feinblatt-Haferflocken hat, kann man bei euch gerade mal zwischen feinen Haferflocken mit und welchen ohne Gluten wählen. Ist das für die Kunden ein Problem?

Sonja: Wir haben viele Kunden, die sehr glücklich darüber sind. Das ist einfach eine Sache des Vertrauens. Hier ist es so, dass wir diese Entscheidung treffen. Wir beschäftigen uns ja intensiv mit der Auswahl und wir gucken ganz genau: Was ist gute Qualität? Wie wird das Produkt hergestellt? Wie kommt es hierher? Wie ist es geschmacklich? Wie ist das mit den Inhaltsstoffen? Das alles kann ich im Supermarkt, wenn ich dreißig Produkte einkaufen will, ja gar nicht für jedes einzelne Produkt leisten. Wenn man sich darauf einlassen kann, dass wir diese Auswahl richtig und vernünftig treffen, dann ist es viel entspannter und einfacher.

Eine weitere Einschränkung besteht darin, dass unverpackt einkaufen nicht spontan oder nebenbei passieren kann. Man muss seine Behältnisse mitbringen, muss also gut planen. Ist das nicht ein großes Hindernis?

Sonja: Für mich persönlich ist das kein Problem, weil ich immer eher kleinere Mengen einkaufe. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs, habe Packtaschen dabei und Stoffbeutel. Zu Hause muss ich Dinge wie Nüsse oder Getreide aus den Beuteln wieder umpacken, aber das macht ja nichts. Übrigens: Wer unverpackt einkauft, stellt sich einmal häufiger die Frage, ob er dieses oder jenes Produkt jetzt wirklich braucht. Aber grundsätzlich stimmt es natürlich, dass unverpackt einzukaufen ein Umdenken und mehr Planung voraussetzt.

Man muss auch nicht immer alles auf einmal wollen. Neulich war eine Mutter hier, total gestresst mit zwei kleinen Kindern. Sie wollte vier Wochen plastikfrei leben und hat sich damit so ein wahnsinnig hohes Ziel gesteckt. Ich sage immer: „Fang doch mit Dingen an, die einfach sind. Guck doch mal zu Hause in deinen Mülleimer und finde heraus, welche Art von Müll am meisten anfällt. Und dann überlege Stück für Stück, was man wie ändern könnte.“

 

Eine ganz andere Art von Unverpackt-Laden gibt es in dem 5200-Seelen-Städtchen Röbel: Mehr als ein Unverpackt-Laden: „Müritz Unverpackt“ in Röbel

2 thoughts on “Doppelt Unverpackt in Hamburg: Stückgut

  1. Stückgut ist so ein schöner Laden. Jedes Mal, wenn ich dort bin geht es mir gut. Überschaubares, aber breit gefächertes Angebot. Gute Qualität, tolle Auskunft und Information.

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