Ackern in Appen – Gemüse und Geplauder auf dem Miet-Acker (4) ?>

Ackern in Appen – Gemüse und Geplauder auf dem Miet-Acker (4)

Auf unserem Miet-Acker auf dem Schäferhof bei Hamburg läuft es rund, die Ernte ist in vollem Gange. Der Wildwuchs hält sich inzwischen in Grenzen, dafür sorgt ein schöner Schmetterling für Ärger. Und das Rätsel um eine komische Pflanze, mit der fast jeder Pächter zu tun hat, ist dank Extrembotaniker Jürgen Feder gelöst.

Quer über den Acker verteilt wächst eine seltsame Pflanze. Wie Unkraut sieht sie nicht aus, sondern eher wie eine Art Kohl. Keiner weiß, was es damit auf sich hat. Erntezeitler mit Erfahrung geben sich nicht lange mit dieser raumgreifenden Pflanze ab, sondern entsorgen sie kurzerhand auf dem Kompost. Neu-Gärtner hingegen hegen und pflegen das rätselhafte Gewächs. Man kann ja nie wissen! Eine dieser Pflanzen steht auch bei uns auf dem Acker.

Jürgen Feder und die rätselhafte Pflanze

Um doch noch herauszufinden, worum es sich handelt, habe ich den Wildwuchs-Experten und Bestseller-Autor Jürgen Feder gefragt. Der wusste Bescheid: „Ist Raps, können Sie stehen lassen.“ Auf meinen Einwand, dass Raps aber im Mai blüht und unser Raps noch eine Jungpflanze ist, meinte er: „Raps sieht man das ganze Jahr. Als einjährige Art kommen immer wieder vereinzelt Exemplare vor, etwa nach Bodenverschleppungen, auf Baustellen oder auch ackernah an Gräben und Wegen.“ Klingt für mich plausibel zumal der Acker vor der Aussaat gepflügt worden ist. Was das jetzt für unseren übrig gebliebenen Raps bedeutet? Erst mal wachsen lassen und im Blick behalten, ob er mit seinem intensiven Wachstum die geplanten Kulturen stört.

junge Rapspflanze
Wer bei dieser Pflanze an Kohl denkt, liegt falsch. Aber nicht ganz! Denn Raps und Kohl gehören zur selben Familie.

Der Raps wird genauso gerne wie die Kohlpflanzen von Schmetterlingen besucht, meistens von den Kohlweißlingen. Sehr schöne, weiß-gelbliche Schmetterlinge, die hin und wieder auch zu zweit unterwegs sind und sich im wilden Tanz umgarnen. Vom Kohlweißlinge gibt es zwei verschiedenen Arten: den Großen Kohlweißling und den Kleinen Kohlweißling.

Kohlweißling auf Thymian
Kohlweißlinge fliegen nicht nur Kohl an, sondern auch viele andere Pflanzen – den Thymian in unserem Reihenhausgarten zum Beispiel.

Leider sind diese Schmetterlinge eine Gefahr für den Kohl. Der Kleine Kohlweißling noch ein ganzes Stück mehr als sein großer Verwandter. Er gilt als einer der bedeutsamsten Schädlinge im Gemüseanbau. Mag man gar nicht glauben, wenn er so heiter über den Acker tobt.

Auf den Blattunterseiten der Wirtspflanzen legen die Kohlweißlinge ihre Eier ab. Wenn die Raupen geschlüpft sind, beginnt das große Fressen. Ein paar Gelege haben wir rechtzeitig entfernen können, aber ein paar sind uns auch entgangen. Aus ihnen sind die gefräßigen Kohlzerstörer geschlüpft und haben viele Blätter zumindest stattlich gelöchert.

Raupe vom Großen Kohlweißling auf einem Blatt
Häufig fressen die Raupen des Großen Kohlweißlings im Pulk. Hier aber ist eine alleine auf Tour.
abgefressener Kohl
In einem der Nachbargärten kann man sehen, wie es dem Kohl ergehen kann, wenn den Raupen kein Einhalt geboten wird.

Schon blöd, wenn man einerseits die Schönheit und Leichtigkeit der Schmetterlinge bewundert, die Artenvielfalt fördern und erhalten will, und andererseits Eiern und Raupen an den Kragen muss, um die Kohlernte zu sichern.

Leider ist das Absammeln der Raupen das Gebot der Stunde – auch für Elke und Thomas (siehe Titelbild). Die beiden ackern in dieser Saison zum zweiten Mal in Appen. Ihren drei Kindern ist nach dem ersten Jahr die Lust an der Gartenarbeit vergangen. Also werkelt das Paar alleine. „Hier können wir einfach mal entspannen vom Alltag, runter kommen und die Ruhe genießen. Wir reden bei der Arbeit nicht einmal so viel miteinander. Jeder ist da eher für sich und weiß, was er zu tun hat“, erzählt Elke. Auch Thomas schätzt den ruhigen Rhythmus des Gemüsejahres und freut sich über das Gedeihen auf dem Acker. Gelernt haben die beiden inzwischen eine ganze Menge: „Zum Beispiel, dass man nicht zu früh ans Unkraut ran gehen sollte. Ganz besonders dann nicht, wenn man nicht genau weiß, was man da rausrupft. In unserer ersten Saison haben wir so einiges an Gemüse entfernt, weil wir es mit Unkraut verwechselt haben. Von der Roten Bete, von Pastinaken und Petersilie hatten wir danach nicht mehr viel im Beet stehen“, sagt Thomas.

So ist es uns auch ergangen mit dem vermeintlichen Unkraut. Der Beetstreifen für das Bohnenkraut ist ziemlich leer gefegt. Ein Gutes hat das ja. Ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, was man mit einem ganzen Beetstreifen voller Bohnenkraut überhaupt anfangen soll.

Ein paar andere Pflanzen hingegen, die wir eigentlich hätten rausrupfen können, haben wir bewusst stehen lassen. Ein paar Exemplare vom Kalifornischen Mohn zum Beispiel. Die Pflanze wird von Bienen und anderen Insekten sehr gerne besucht und ist ein absoluter Hingucker auf dem Acker. Essen sollte man den Kalifornischen Mohn übrigens nicht: Er wurde 2016 zur „Giftpflanze des Jahres“ ernannt. Die Pflanze hat noch weitere Namen: Goldmohn ist quasi selbsterklärend – und Schlafmützchen. Bevor sie sich öffnet, erinnert die Blüte des Mohns nämlich an ein Schlafmützchen aus alten Zeiten.

Kalifornischer Mohn
Sehr beliebt bei Bienen und Hummeln ist der Kalifornische Mohn.

Und unsere Ernte? Läuft! Fünf Kopfsalate sind abgeerntet, ein paar zu Hause vorgezogene Salate nehmen jetzt ihren Platz ein. Zuckererbsen hatten wir schon reichlich, und es entwickeln sich ständig neue Blüten. Ein paar Kohlrabis haben wir schon gegessen, genauso wie einige eher kleine Knollen Rote Bete, die so eng wuchsen, dass ein Ausdünnen nötig war. Außerdem gibt es immer wieder große Mengen an Pflücksalaten. Es stimmt: Gärtnern macht glücklich! Ganz besonders dann, wenn man die Ernte in den Händen hält.

Ein Porträt über Jürgen Feder findet ihr hier: Jürgen Feder – Extrembotaniker und Grashüpfer im Glück.
Eine Buchbesprechung zu seinem letzten Buch gibt es hier: Feders kleine Kräuterkunde.

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