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Im Garten von. . . Frits Deemter

Ein stacheliger Pfefferbaum, Gourmet-Farne und mehr als 1200 weitere essbare Pflanzenarten aus aller Welt wachsen im Garten von Frits Deemter – in seinen essbaren Alleen, auf Mini-Ibiza, im Waldgarten oder am Teich.

Wie eine Insel liegt das 2,5 Hektar große Grundstück von Frits Deemter da. Wer auf google maps  heranzoomt (einfach „Essgarten“ ins Suchfenster eingeben und auf Satellitenbild schalten), sieht das kleine Stückchen Land 30 Kilometer südwestlich von Bremen umgeben von einem Meer aus konventionell bewirtschafteten Feldern. Es ist etwa achtmal so breit wie lang, fast durchgängig von einer Randbepflanzung umgeben und – schon aus der Vogelperspektive gut zu erkennen – sehr vielseitig gestaltet.

Als Deemter und seine damalige Frau Heike das Grundstück vor 25 Jahren übernommen haben, gab es dort nur ein paar Bäume und jede Menge Gestrüpp. Über das nahegelegene Ökozentrum Prinzhöfte lernte Deemter kurz nach dem Umzug den Permakultur-Designer Volker Kranz kennen. Der gab ihm eine Liste mit sechzehn essbaren Gehölzen, die Deemter daraufhin in seinem Garten anpflanzte. Damit war der Keim gelegt. Begeistert von der Idee „Einmal pflanzen, immer ernten“ stürzte sich Deemter in die Recherche und fand vor allem in den Katalogen von Martin Crawford, später größtenteils über die PFAF-Datenbank von Ken Fern („Plants for a Future“) – eine riesige Auswahl an essbaren Pflanzen, die zum Klima im Oldenburgischen Land passten. Inzwischen wachsen bei Deemter im Garten mehr als 1200 essbare Arten, längst hat er aufgehört zu zählen.

Das Essgarten-Eingangsschild steckt neben dem Briefkasten in der Erde
Mitten im Nirgendwo zwischen Harpstedt und Wildeshausen liegt Deemters Essgarten.

In der Nähe des Eingangsbereiches, gleich hinter der Rasenfläche, auf der ein gutes Dutzend Kiefern in Symbiose mit Edelreizkern und Butterpilzen wächst, steht ein großer, vergleichsweise sparsam beblätterter Baum umgeben von vielen kleinen Bäumchen derselben Art: der Chinesische Gemüsebaum. Manche sagen, seine jungen noch rötlichen Blätter würden schmecken wie Maggi, andere fühlen sich an Zwiebeln oder Knoblauch erinnert oder ganz einfach an eine gut gewürzte Gemüsebrühe.

Junge Blätter vom Chinesischen Gemüsebaum
Die Blätter des Chinesischen Gemüsebaums liefern eine beeindruckende Würze.

Hinter den Gemüsebäumen liegen sechs Alleen, die durch fortlaufende Pflanzstreifen begrenzt werden. Auf den Wegen zwischen diesen Streifen ist das Gras sehr kurz gehalten. Sieht merkwürdig aus, hat aber einen Sinn: Die gut einsehbaren Gassen locken Bussarde und andere Greifvögel an. Auf diese Weise sollen Vögel und Mäuse in Schach gehalten werden. Ein weiterer Trumpf im Kampf gegen ungebetene Erntehelfer ist Golden-Retriever-Mischling Nicky. Gift, Fallen oder andere Maßnahmen zur Erntesicherung setzt der gebürtige Holländer nicht ein. Alles bio im Essgarten. Zusätzlich verzichtet er sowohl auf Bewässerung  – außer nötigenfalls im Anpflanzungsjahr – als auch auf Dünger und Pflanzenschutzmittel. Das würde bei einem so großen Garten ohnehin nicht funktionieren, meint er. Deemter setzt lieber auf die Kraft, die die Pflanzen von sich aus mitbringen: „Durch die Vielfalt hier ist es nicht so schlimm, wenn ein Baum mal ein Jahr lang schlecht aussieht. Gibt man der Pflanze eine Chance, kommen die natürlichen Schädlingsfeinde meist irgendwann um die Ecke geschossen, und die Pflanze erholt sich.“ Einzig bei der Standortwahl ist der 58-Jährige höchst pingelig. Er recherchiert, bis er genau weiß, was seine Schützlinge brauchen. Und das gibt er ihnen dann auch: eine Drainage beispielsweise, Schatten in der Mittagszeit oder nasse Füße. Viele Jungpflanzen bekommen in den ersten Jahren außerdem einen Verbissschutz aus Draht, so dass Rehe ihnen nichts anhaben können.

Frits Deemter mit Golden-Retriever-Mischling Nicky
Sehr zufrieden mit Nicky, dem Wühlmausschreck: Frits Deemter

Bäume, Sträucher und Stauden bilden in lockerer Reihenfolge die Pflanzstreifen an den Alleen. Hier wachsen Maulbeeren, Mispeln, Meerrettich, Strauchkastanien, Salomonsiegel, Blutpflaume, Hibiskus, Fetthenne, Schneebälle, Taglilien, Funkien und unzählige weitere Pflanzen. Viele Pflanzen in Deemters Garten gelten im Allgemeinen als toxisch*, wie das Salomonsiegel beispielweise. Allerdings sind häufig nicht die ganzen Pflanzen giftig, sondern nur einzelne Teile. Beim Salomonsiegel, das aus der Spargelfamilie kommt, sind die Früchte giftig. Die jungen, bis zu 20 Zentimeter langen Triebe hingegen sind essbar. „Das ist ja bei Kartoffeln genauso. Wer von ihnen das Kraut isst, der ist danach eben nicht mehr bei uns. Das ist das Prinzip der Evolution. Die Schlauen überleben“,  sagt Deemter.

Blühender Salomonsiegel
Achtung! Die Früchte und Samen vom Salomonsiegel Polygonatum odoratum sind giftig!

Auch einige Funkienarten sind essbar. Deemter hat verschiedene Sorten ausprobiert und ist schließlich bei „Big Daddy“ gelandet, einer großen Blaublatt-Funkie, die, wie die anderen Funkien auch, im Schatten bestens gedeiht. Ihre jungen Blätter liefern ein zartes Gemüse.

Funkien im Abendlicht
„Big Daddy“ ist die Funkie der Wahl. Deemter hat in seinem Garten etliche Exemplare angepflanzt. Blöd: Auch Schnecken lieben diese schönen Blätter.

Mispeln haben es Frits Deemter angetan. Die Früchte werden zur Weihnachtszeit reif und sind essbar, wenn sich das Fruchtfleisch braun verfärbt und matschig wird wie eine reife Banane. Sieht nicht schön aus, schmeckt aber super lecker nach Bratapfel. Die Früchte können roh gegessen oder verarbeitet werden und leiden auch nicht, wenn sie eingefroren werden.

Blühende Mispel
Die Blüten sind eine Augen-, die Früchte eine Gaumenweide: die Mispel.

Überall auf dem Grundstück verteilt nagt der Zahn der Zeit an ausgedienten Gegenständen: an einem alten Wagen, der vor langer Zeit zum Transport von Wasser diente oder an einem Aussaatrad. Und ein übrig gebliebenes Zaunelement steht umrankt von wildem Wein und essbarem Blauregen zwischen hohen wilden Gräsern.

zerfallender landwirtschaftlicher Wagen
Ein Zeuge längst vergangener Zeiten: ein Wagen, mit dem Frits Deemter eimerweise Wasser zu seinen Pflanzstellen transportierte.

Eine Orangerie steht etwa in der Mitte des Grundstücks. Vor etwas mehr als zwei Jahren hat Deemter sie von einer nahegelegenen Gärtnerei sehr günstig erworben. Sie dient als Veranstaltungsort für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten, für Seminare und Vorträge und beherbergt zudem eine Küche, in der Deemter mit Zutaten aus dem Essgarten einfallsreiche Köstlichkeiten zaubert, die er an seinen regelmäßig stattfindenden Gourmet-Abenden serviert. Da gibt es sowohl Ungewöhnliches wie gefrorene Früchte von einer Ölweide, Blätter einer Aralie oder Indianerlimonade aus den Kolben vom Essigbaum als auch ganz einfache Zutaten, die fast jeder im eigenen Garten finden kann: Brennnesseln etwa, Hopfen oder Giersch. „Essen ist eine Illusion. Wir denken oft, dass Pflanzen, die in Massen vorrätig sind, gar nicht schmecken können. Das ist schon ein bisschen schräg“, meint Deemter. Sein Schalk und er gehen deshalb trickreich gegen solche Mutmaßungen vor und servieren mitunter Giersch im Tarnmantel und Brennnessel inkognito. Und wenn es den Gästen schmeckt – was eigentlich immer der Fall ist – klärt Deemter auf. „Viele gehen nach den Führungen in ihre Ziergärten zurück und nutzen sie ganz anders als vorher. Sie lassen Wildkräuter wachsen und hören auf zu spritzen. Ich finde es toll, wenn ich zeigen kann, dass es eben auch anders geht“, erzählt Deemter.

eine große Orangerie
Früher Gewächshaus, heute Veranstaltungsort und Restaurant.

Etwa dreißig Meter hinter der Orangerie befindet sich das Wohnhaus von Deemter. Ein Heuerhaus von 1908. In unmittelbarer Nähe zwei riesige aus Steinen aufgeschichtete Hochbeete, die in der letzten Zeit oft von Praktikanten gepflegt und bepflanzt wurden. So ganz genau weiß nicht mal Deemter, was da gerade so alles gedeiht.

Blumenhochbeet vor Haus
Vom Haus aus hat man einen guten Blick auf die zwei Hochbeete, auf denen Exotisches und Gewöhnliches wächst.

An der Südseite des Hauses befindet sich Mini-Ibiza. Eine Terrasse, die aufgrund ihrer günstigen Lage ein fast tropisches Kleinklima bietet und damit sogar den 22.00-Uhr-Bikini-Test besteht. Hier wächst dicht an die Hauswand gelehnt eine Feige.

Terrasse mit einem Feigenbaum
Mini-Ibiza nennt Frits Deemter die Südterrasse seines Hauses.

Wer am Haus vorbeigeht, landet schnell bei einem Gewächshaus, in dem weitere Feigen, Pfirsiche, Kiwis, Nektarinen und andere mediterrane Pflanzen gedeihen. Daneben das so genannte Schattengewächshaus, das unter anderen Pilze und überbordende Akebien, auch Schokoladenwein genannt, beherbergt. Mitten im dahinter liegenden, durch Trampelpfade gegliederten kleinen Waldgarten, wachsen weitere ungewöhnliche Pflanzen. Eine immergrüne und winterharte Zitruspflanze zum Beispiel und Szechuan-Pfeffer. Ein Strauch, dessen dornige Rinde an die Haut von Märchendrachen erinnert. Im Oktober und November werden die Früchte geerntet. Ihre fruchtige Schärfe liegt nicht etwa im schwarzen Kern (der ist nämlich geschmacklich wertlos), sondern in der roten Schale.

bedornter Zweig einer blühenden Zitrone
Im Mai blüht diese immergrüne Zitruspflanze (Poncirus trifoliata).

Wer das sich anschließende Versuchsfeld für Spalierwein hinter sich lässt, kommt zum großen Waldgarten, in dessen Mitte sich ein etwa 150 Quadratmeter großer Teich befindet. Auf der südlichen Seite am von Tulpenbaum, Flügelnuss, Maulbeeren und Speierlingen verschatteten Teichrand wachsen zahllose Farne, die im Gegensatz zu den meisten anderen Farnarten essbar sind. Spezielle Trichterfarne, deren noch eingerollte Blätter im Frühling geerntet werden. Gegart gelten sie in den USA als Delikatesse, während sie hier noch weitestgehend unbekannt sind. Den größten Teil seiner essbaren Farne hat Deemter aber nicht hier am Teich, sondern in seinem Feuchtwald gepflanzt. Das Stückchen Land ist nur wenige hundert Meter von dem eigentlichen Grundstück entfernt und dient momentan als Versuchslabor für Farn-, Süßeichen- und Pilzexperimente.

Farn, der seine Blätter entrollt
Erntezeit vorbei! Dieser Farn ist etwa Ende April bis Anfang Mai essbar. Nämlich dann, wenn die Blätter noch fast komplett eingerollt sind.

Begrenzt wird der Waldgarten zur südwestlichen Seite von einer Reihe bizarrer Bäumchen. Ihre jungen Blätter werden in Asien gekocht gegessen, ihr Name verheißt nichts Gutes: Teufelskrückstock werden sie im Volksmund genannt. Wer sich die Stämme genauer ansieht, weiß warum.

kleiner Teufelskrückstock
Der Teufelskrückstock vermehrt sich durch Ausläufer. Eine Rhizomsperre kann helfen, das unbegrenzte Wachstum zu bremsen.

Außerdem wachsen im Waldgarten verschiedene essbare Wildobstarten wie Kornelkirschen, Zierquitten, Schlehen, Berglitschi und Ölweiden. Besonders imposant wirkt die Japanische Pestwurz mit ihren gigantischen Blättern. Die Blattstiele dieser rhizombildenden Pflanze werden in Japan als delikates Gemüse zubereitet.

Japanische Pestwurz
Die Japanische Pestwurz wächst gerne an feuchten Stellen und kommt im Halbschatten gut klar.

An einigen Stellen im Waldgarten warten Baumstammstücke aufs Verrotten. Deemter hat sie von seinem Nachbarn geschenkt bekommen. Das Besondere daran: Saitlinge wachsen an ihnen. Um die zu vermehren hat Deemter gleich noch ein paar weitere Totholzstücke in die Nähe gelegt, damit sich die Sporen des Winterpilzes auch dort ansiedeln. Hat super geklappt. Das Gleiche in größerem Umfang plant er nun zusätzlich in seinem Feuchtwald.

Hinter den Baumstämmen, die von den Saitlingen besiedelt sind, drängen mehrere Eiben in die Höhe. Alles an diesen düster wirkenden Nadelbäumen ist hochgiftig, nur das Fruchtfleisch nicht. Deemter erzählt von einem brenzligen Eiben-Erlebnis im Botanischen Garten in Hamburg. Vor einigen Jahren war er dort mit seiner damaligen Frau zu Besuch und pflückte heimlich einen guten Schwung Eibenfrüchte ab. „Und während ich mit Heike am Schnacken war, naschte ich die Beeren komplett weg. Ich war so in Gedanken, dass ich nicht daran gedacht hatte, die Kerne auszuspucken“, erinnert sich Deemter. „Ich sagte zu Heike: ‚Oh, jetzt habe ich ein Problem. Entweder fahren wir ins Krankenhaus und lassen mir den Magen auspumpen oder du schreibst auf meinen Grabstein: ‚Er ist an seinem Hobby gestorben.““ Passiert ist weder das Eine noch das Andere. Denn – da war sich Deemter absolut sicher – zerbissen hatte er die Kerne nicht. Erst beim Zerbeißen nämlich wäre das tödliche Gift freigesetzt worden. „Und so sind die Kerne tags darauf so wieder rausgekommen, wie sie reingekommen sind“, erzählt Deemter. „Ich bin ja kein Glücksritter, ich informiere mich wirklich gut.“

Mehr dazu: www.essgarten.de

*Achtung!!!: Ernte immer nur solche Pflanzen, die du ganz sicher kennst und von denen du weißt, dass und unter welchen Umständen sie essbar sind. Nur weil eine bestimmte Art essbar ist, heißt das nicht, dass eine verwandte Art ebenfalls ungiftig ist. Und: Verwende, um Verwechslungen zu vermeiden, zur Überprüfung immer die lateinischen Namen der Pflanzen.

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