Leben im grünen Bereich: die „Beifußfrau“ Daniela Wolff ?>

Leben im grünen Bereich: die „Beifußfrau“ Daniela Wolff

Daniela Wolff liebt Lindenblätter als Salat, nascht Gänseblümchen von der Wiese und badet nie wieder in unbehandelten Brennnesseln. Die Kräuterexpertin bietet auf ihren Führungen Unterhaltsames und Informatives rund um Kräuter, Pflanzen und Bäume.

Wo andere nichts weiter als Laub sehen, sieht Daniela Wolff einen köstlichen Salat. Junge Lindenblätter isst sie besonders gerne und zwar am liebsten direkt vom Baum. Ein kleines Mädchen beobachtete sie einmal dabei, wie sie im Hamburger Jenischpark ein paar Blätter vom Baum zupfte und aß. Langsam kam es näher und fragte, nachdem es kurz mit seiner Mutter Rücksprache gehalten hatte: „Hast du kein Zuhause?“ Noch bevor Daniela Wolff antworten konnte, bot die Kleine ihr schon an, sie mit zu sich zu nehmen: „Wir haben genug zu essen!“ An diese Begegnung erinnert sich Daniela Wolff gerne. „Das rührte mich zutiefst. Diese liebe und umsichtige Geste dieser Kleinen. Das ist eine echte ‚Lindengeschichte‘, denn bei der Linde geht es immer um Liebe, Wärme und ein ‚Miteinander im Guten'“, erzählt sie.

Daniela Wolff zeigt die herzförmigen Blätter der Linde
Die herzförmigen Blätter der Linde zeigen das Wesen des Baumes: Liebe, Wärme und Zugewandtheit

Ein brenzliges Badeerlebnis

Daniela Wolff ist Kräuterexpertin, Heilpraktikerin und Wildpflanzen-Gourmet. Erfahrungsheilkunde nennt sich die Methode, nach der sie arbeitet. Die 41-Jährige nutzt dabei ein altes Volkswissen, das sich über Hunderte von Jahren angesammelt hat. Zusätzlich setzt sie auf Selbstversuche und erprobt die Wirkung der Pflanzen am eigenen Leib. Das geht fast immer gut, nur manchmal geht’s daneben: „Mir hat jemand erzählt, dass man in Brennnesseln baden kann. Das wollte ich ausprobieren, habe Wasser einlaufen lassen, einen guten Schwung Brennnesseln reingeworfen und bin dann selbst in die Badewanne gestiegen. Dass man die Pflanzen erst hätte abkochen müssen, habe ich nicht gewusst. Ich war schneller wieder draußen als ich drin war und habe die Nacht unter Volldampf verbracht“, erinnert sie sich mit einem Lachen.

Solche Anekdoten und ihr sattes Wissen rund ums wilde Grün machen die Kräuter- und Baumführungen, die Daniela Wolff im Hamburger Westen und in Friesland anbietet, zu einem erquicklichen Erlebnis.

Die Linde als Treffpunkt für Verliebte

Gut zwanzig Interessierte haben sich zur Baumführung im Jenischpark um Daniela Wolff versammelt, die mit ihren Outdoor-Stiefeln, dem hellen Strickmantel und dem grauen T-Shirt mit dezentem Apfel-Print überhaupt nicht das Klischee der Kräuterhexe bedient. Einige der Teilnehmer kennt sie schon lange: die Stammkunden ihrer Führungen, die immer wieder gerne in fachkundiger Begleitung durch den Park ziehen. Die erste Station ist eine Linde. Ein Baum, der mit seinen herzförmigen Blättern früher oft die Mitte eines Dorfes bildete und Treffpunkt sowohl für Feiern als auch für Verliebte war. Seine Blüten können zu einem schweißtreibenden Erkältungstee aufgegossen werden und seine Blätter schmecken als Salat. „Das Tolle an der Linde ist auch, dass ihre Blätter gut erreichbar in Mundhöhe wachsen. Vom Sammeln ganz unten würde ich allerdings abraten. Das hat nämlich seine Nachteile, zumindest dann, wenn Pfiffi gerade da war“, schmeißt sie mit fröhlicher Leichtigkeit in die Runde. Eine Teilnehmerin lacht auf und zeigt auf eine Linde ein paar Schritte weiter, an der in diesem Moment ein Rauhaardackel sein Beinchen hebt.

Daniela Wolff pflückt ein Lindenblatt
Ein Baum zum Sattessen: Die Blätter der Linde wachsen auch in Mundhöhe.

Die Leichtigkeit der Birken

Daniela Wolff wirft ihre blonden, zum Pferdeschwanz gebundenen Haare, nach hinten und deutet auf eine Birke, die nur wenige Meter weiter eine Herbstbrise ausschwingt. Sie erzählt von der Leichtigkeit des Baumes, von seiner Frische, seiner Funktion als traditioneller Maibaum, von Birkenzweigen in der Sauna und vom Birkenblättertee, den sie im Frühling gerne trinkt. Dann geht es weiter zu einem Apfelbaum, an dem die Kräuterfrau einen kleinen Apfel-Mandel-Snack reicht. Danach zur Kastanie, die bei Venenleiden eingesetzt werden kann, zu den Eichen mit ihrer Beständigkeit und zeitlosen Ruhe, zu den elefantenhäutigen Buchen und am Ende der Tour zu einem Ginkgo.

Daniela Wolff, die „Beifußfrau“

Neben diesen Exkursionen unterrichtet die Kräuterfrau an Heilpraktikerschulen und in Vereinen. Zudem veranstaltet sie im Jahresturnus eine Kräuterkundigenausbildung. Der Beifuß gehört zu ihren Lieblingspflanzen. „Beifußfrau“ nennt sie sich deshalb: „Der Beifuß ist eine uralte Heilpflanze, die entgiftend und stärkend wirkt. Sie soll Instinkte wecken und einen Zugang zu den Naturkräften herstellen. Und sie hat mir gezeigt, dass ich ein Teil der Natur bin.“

Daniela Wolff an einen Baum gelehnt
„Dort wo die Krankheit ist, wächst auch ein Kraut dagegen“, meinte der Arzt und Philosoph Paracelsus. Daniela Wolff sieht das genauso.

Aus einer Welt des Mangels in eine Welt der Fülle

Diese Naturverbundenheit liegt bei Daniela Wolff in der Familie. Als Tochter eines Gärtners in Friesland spielten Pflanzen in ihrem Leben schon immer eine große Rolle. Mit 14 Jahren bekam sie eine Blasen- und Nierenentzündung, die ihr sieben Jahre lang das Leben schwer machte. Antibiotika halfen nur kurzfristig. Der Kontakt mit einer Heilpraktikerin brachte schließlich die Wende. Tees aus Schafgarbe, Taubnessel, Frauenmantel und einigen anderen Kräutern brachten schnelle Hilfe. „Alle diese Pflanzen wuchsen in meinem Garten“, sagt sie und strahlt dabei. „Die Welt der Pflanzen zu betreten ist wie ein Übergang aus einer Welt des Mangels in eine Welt der Fülle.“ Sie lässt ihren Blick über die Wiese schweifen, schultert ihren dunklen Rucksack und geht auf die Wiese. Sie schließt die Augen, atmet ein und wirkt im Einklang mit sich und der Welt. Dann geht sie los mit dem Blick auf den Boden gerichtet und bleibt kurz darauf vor ein paar Gänseblümchen stehen. „Man kann so viele Pflanzen einfach von der Wiese essen. Diese Gänseblümchen hier schmecken im Salat super. Aber ich verwende sie auch für Tinkturen. Alle Menschen verbinden mit ihnen eine heile Kinderwelt.“

Gänseblümchen auf der Wiese

Sie kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, wenn sie von ihren grünen Lieblingen erzählt: Vom Spitzwegerich, der eine unaufgeregte und bodenständige Stimmung verbreitet. Vom Frauenmantel, der Schwangerschaften aufrecht erhalten kann. Oder von der Linde, die alle zum Träumen und Schwelgen bringt.

Eine Schatzkammer auf dem Speicher

Einen ganz besonderen Ort zum Schwelgen hat Daniela Wolff auf dem Speicher ihrer Klein-Flottbeker Dachwohnung ganz in der Nähe des Jenischparks. Hier lagert die Kräuterfrau, die im Mittelalter wohl auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre, ihre unzähligen Nachschlagewerke, Kräuter- und Pflanzenbücher, ihre Tinkturen, Tees und Öle. Und hier lebt sie, genau wie auf den Wiesen und in den Wäldern, ihre romantische Sehnsucht nach der Rückverbindung mit der Natur.

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