Jürgen Feder: Extrembotaniker und Grashüpfer im Glück ?>

Jürgen Feder: Extrembotaniker und Grashüpfer im Glück

Hundepipi stört ihn nicht, an Autobahnen findet er botanische Schätze und das weite Feld der Pflanzenkartierung entlockt ihm Begeisterungsstürme: Der norddeutsche Pflanzenexperte Jürgen Feder macht Botanik zum Renner der Unterhaltung.

Überrumpelt und leicht verlegen schnuppert die 50-jährige Teilnehmerin an einem abgerissenen Stückchen Grün. Sie soll herausfinden, wonach die Pflanze riecht. „Erbse?“, rät sie und liegt voll daneben. „Gut, dass Sie sich hier angemeldet haben“, scherzt Pflanzenkundler Jürgen Feder. „Das ist eine Kresseart. Müssen Sie jetzt gar nicht mehr die kleinen Kästchen im Supermarkt kaufen, können Sie einfach ernten.“

Botaniker Jürgen Feder Porträt
In der Hamburger Speicherstadt auf Pflanzenschau. Extrembotaniker Jürgen Feder zeigt was wo wächst

Feder im Pflanzenrausch. Seine Stimme überschlägt sich vor Begeisterung, als er die Armenische Brombeere vorstellt, die sich in den Städten massiv ausbreitet. Und als er das Land-Reitgras findet, das sich erst durch die Industriealisierung bei uns ansiedeln konnte. Etwa vierzig Interessierte, hauptsächlich Frauen – von der Botanik-Studentin bis hin zur ambitionierten Seniorin – folgen Jürgen Feder auf seiner Tour durch die Hamburger Speicherstadt. Auf den ersten Blick gibt es hier nur Häuser, Steine, Wasser. Auf den zweiten Blick eine überbordende Natur, die aus jeder Pflasterritze quillt.

Lieber Wegerich zerreiben als auf eine Wunde pinkeln

Alle sollen am Straßenrand stehen bleiben, während Feder auf den Mittelstreifen der stark befahrenen Willy-Brandt-Straße hechtet, um schnell etwas Wegerich abzurupfen. Er reicht Breit-, Spitz- und Krähenfußwegerich durch die Reihen und erzählt von der Heilwirkung der Pflanze. „Früher habe ich auf meine Wunden unterwegs immer raufgepinkelt. Ist ja steril. Aber jetzt benutze ich lieber zerriebenen Wegerich“, sagt er und lässt den Schelm in seinen kleinen Augen blitzen.

Etwa 4000 Pflanzenarten kann der 56-Jährige Wahl-Bremer unterscheiden. Er kennt Standorte, Ansprüche, Heil- und andere Wirkungen, er weiß was essbar ist und was nicht. Nach dem Abitur machte Feder zunächst eine Ausbildung als Landschaftsgärtner, studierte danach Landschaftspflege in Bremen. Seit Jahrzehnten beobachtet und kartiert er die Botanik in Norddeutschland. Ein Hobby, das er früher mit dem Fahrrad pflegte, inzwischen aber meist mit dem Auto. An Autobahnen, auf Müllhalden, auf Seitenstreifen und an Klohäuschen – überall dort, wo Menschen ihre Spuren hinterlassen, macht Feder seine tollsten Funde. Und auch mitten in der Stadt an Bordsteinen, in Winkeln und an Mauern bewundert er das grüne Leben.

Neu in Hamburg: das Wimper-Perlgras
In einer Pflasterritze entdeckt Jürgen Feder einen Neuzugang in Hamburg: das Wimper-Perlgras

Ein grüner Snack mit Hundedreck?

Jürgen Feder bleibt an einem verglasten Bürokomplex stehen und deutet auf ein gelb blühendes Gewächs, dem er zunächst den falschen Standort bescheinigt. Gewöhnliche Sumpfkresse nämlich, so erzählt Feder, brauche vor allem feuchte, nährstoffreiche Böden und wachse vorzugsweise an Ufern. Sein Blick wandert an dem Gebäude nach oben, wo er die Erklärung für den seltsamen Fund findet: Die Pflanze steht in der Fenstertraufe des Gebäudes, sei also bestens mit Wasser versorgt. Die unterschiedlichen Hinterlassenschaften von Mensch und Tier täten ein Übriges. Er bückt sich, pflückt ein Stückchen Kresse ab und steckt es sich in den Mund. „Kann man roh essen, steckt viel pflanzliches Eiweiß drin“, tönt er fröhlich in die überrascht-entsetzte Menge der Tour-Teilnehmer hinein. „Ich weiß, was Sie jetzt denken: die Hunde, der Dreck. Da hat aber gerade keiner hingeschifft. Ich habe es gesehen!“

Hygiene ist überbewertet

Hygiene ist so ein Ding, das Jürgen Feder für überbewertet hält. Hundedreck, Fuchsbandwurm, Zecken? Pffft! Davon lässt sich der Naturburschi nicht beeindrucken. Die von Zecken übertragene Borreliose hat er sich zwar eingefangen, sie sei aber nur schwach ausgeprägt. Hundedreck wäscht der Regen weg und das mit dem Fuchsbandwurm sei extrem selten. „Die Leute haben ständig Angst. Wie viele Menschen gibt es, die einen Sonnenbrand haben? Ich sage dann immer: Da müsste man die Sonne vom Himmel holen. Dieses Igittigitt, die Überempfindlichkeit der Menschen kann ich einfach nicht verstehen“, meint er nachdenklich und zippelt am Kragen seines roten Shirts, das extragroß über seiner praktischen Cargohose wallt. In den Taschen der Hose trägt er in einer kleinen, weißen Plastiktüte seine Mini-Kamera mit sich herum, die er immer wieder zückt, um hier und da ein Pflanzenfoto zu schießen.

Jürgen Feder fotografiert die Armenische Brombeere
Ohne Kamera geht Jürgen Feder nicht auf Tour. Schließlich gibt es überall tolle Motive: hier die Armenische Brombeere

Jürgen Feder schreibt Bestseller

Die Fotos nutzt er für seine gut besuchte facebook-Seite und für seine Bücher. Zwei hat er inzwischen geschrieben. „Feders fabelhafte Pflanzenwelt“ ist 2014 erschienen und hat es bis auf Platz 20 der Bestsellerliste geschafft. In diesem Frühjahr gingen „Feders fantastische Stadtpflanzen“ an den Start und ab März 2017 lädt „Feders kleine Kräuterkunde“ zum kulinarischen Rundgang durch die Natur ein. Denn essen kann man eine ganze Menge des Wildwuchses. Weg-Raute ist essbar, Kohl-Gänsedistel, Gänsefuß, Franzosenkraut, Labkraut, Löwenzahn sowieso und auch die würzige Knoblauchsrauke, die sich Jürgen Feder gerne zusätzlich zur Wurst im Vorbeigehen mit aufs Brot pflückt.

Feders botanischer Brausebrand reißt mit

„Ich möchte Werbung machen für das Draußensein, für das Radfahren, für das Unterwegssein in der Natur. Ich möchte, dass die Menschen einen Aha-Effekt haben, wenn sie zu Hause im Garten sind. Dass sie sagen können: ‚Mensch du, da wächst ja Franzosenkraut und davon gibt es gleich zwei verschiedene.’“ Feders kräftige Gärtnerhände fliegen durch die Luft, er krächzt fast, knödelt vor Vergnügen wie im botanischen Brausebrand, wenn er seine grüne Welt erklärt. Diese Begeisterung ist es, die Feder so beliebt macht. Die ihn in Talkshows zu einem Gast werden lässt, der in Erinnerung bleibt und die die Teilnehmer seiner zahlreichen Exkursionen mitreißt. Merken kann sich keiner, was Jürgen Feder auf seinen Touren erzählt. Viel zu umfangreich ist sein Wissen, viel zu schnell sprudelt es aus ihm heraus. Aber um Wissensvermittlung geht es Feder ohnehin nicht: „Ich möchte, dass die Menschen aufmerksam werden, eine andere Sicht gewinnen und nicht zu allem sagen: ‚Das ist Moos.’“

Jürgen Feder mit einer Klette
In der Hamburger Speicherstadt zeigt Jürgen Feder eine Klette

Zu tief ins Gras geschaut?

Hat Feder ein bisschen zu tief ins Gras geschaut, psychoaktive Pflanzen auf ihre Rauschqualitäten hin untersucht? „Nee, gar nicht. Finde ich total blöd! Ich berausche mich lieber an den Farben.“ Die Frage, was er denn wohl genommen habe, hört er oft. „Nichts“, sagt er dann. „Ich bin immer so“, und freut sich dabei wie ein Grashüpfer im Glück.

www.juergen-feder.de

2 thoughts on “Jürgen Feder: Extrembotaniker und Grashüpfer im Glück

  1. …wie herrlich hast du da diese grün schillernde Persönlichkeit erlebt und so überzeugend beschrieben! Hätte ich nicht meine Wände schon mit Büchern bedeckt, ich würde umgehend zu einem Titel greifen. Und leider ist die Speicherstadt zu einer Feder-Exkursion für mich zu weit entfernt, ich muss schmerzlich verzichten.
    Walter.

    1. Lieber Walter, die Exkursionen finden nicht nur in Hamburg statt, sondern bundesweit. Auf der Website von Jürgen Feder findest du alle Termine. Vielleicht passt da ja der eine oder andere.
      Herzliche Grüße aus Hamburg sendet Katka

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