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Gärtnern mit Müll: Wo beim Upcycling im Garten die Gefahren lauern

Ein Kartoffelturm aus Autoreifen und ein Hochbeet aus Paletten. Upcyclen und Umfunktionieren liegt im Trend und ist zudem ressourcenschonend. Aber wie steht es hier um den ökologischen und gesundheitlichen Aspekt?

Meistens landen abgefahrene Autoreifen, Plastikflaschen und gebrauchte Paletten auf dem Müll. Manchmal aber finden sie ihren Weg in den Garten und werden dort zu Beetumrandungen, Hochbeeten oder Pflanzgefäßen umfunktioniert. Praktisch und kostengünstig ist das allemal, und oft sogar recht stylisch.

Aber wie sieht es eigentlich aus mit Schadstoffen wie Weichmachern oder Flammschutzmitteln, die möglicherweise in den Materialien enthalten sind? Können die in den Boden übergehen und schlussendlich im selbst angebauten Salat landen?

Professor Dr. Gesine Witt, Leiterin der Forschungsgruppe Umweltanalytik und Ökotoxikologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, hat selber einen Garten. Und in den lässt sie so manches Material gar nicht erst rein, anderes hingegen schon.

Paletten

Paletten lassen sich hervorragend mit Kräutern oder Radieschen bepflanzen. Zusammengeschraubt kann man sie zu kostengünstigen Hochbeeten upcyclen. Auch zu Möbeln lassen sich die hölzernen Flachpaletten verarbeiten. Doch die Forscherin warnt: „Es gibt unterschiedliche Paletten. Worum es sich im Einzelfall handelt, erkennt man an dem eingebrannten Siegel. Mit der Kennzeichnung HT ist man in der Regel auf der sicheren Seite. Das bedeutet nämlich nur ,Heat Treatment‘, also Hitzebehandlung. Chemische Behandlungen, die unter anderem durch die Kennzeichnungen MB (Methybromid) oder CT (,Chemical Treatment‘, also chemische Behandlung) angezeigt werden, sind zumindest innerhalb der EU verboten. Außereuropäische Lieferungen können aber entsprechend behandelt sein. Ich würde ausschließlich Paletten mit HT-Kennzeichnung im Garten verwenden und diese dann selber mit Biofarben behandeln.“

Europaletten mit Kräutern und Erdbeeren bepflanzt.
Ein Hingucker im Garten: Europaletten mit Kräutern und Erdbeeren bepflanzt.

PVC (Polyvinylchlorid)

Auch PVC kommt im Garten vor. Viele Bewässerungsschläuche sind beispielsweise aus diesem immer noch häufig verwendeten Kunststoff, genauso wie viele Regenrinnen oder Wasserrohre. Diese Rinnen und Rohre bepflanzt mit Salaten und anderen kleineren Gemüsesorten machen optisch gut was her. Trotzdem sei es nicht unbedingt ratsam, Essbares darin wachsen zu lassen, meint Prof. Witt: „Die Frage ist immer, ob Weichmacher enthalten sind. Der wohl bekannteste ist Bisphenol A. Wenn auf Produkten manchmal ,Bisphenol-A-frei‘ steht, dann ist das mitunter eine Mogelpackung, denn es gibt noch viele weitere Weichmacher, die ebenfalls gefährlich sein können. Also sollte man darauf achten, dass das Produkt nicht als ,Bisphenol-A-frei‘, sondern als ,weichmacherfrei‘ deklariert ist. Dann ist schon viel gewonnen“, meint die Wissenschaftlerin und erzählt ein persönliches Erlebnis in Sachen Weichmacher: „Als wir von Hamburg nach Rostock umgezogen sind, hat mein Mann die Fische und Schnecken aus unserem Aquarium zum Transport in einen neu gekauften Plastikcontainer umgelagert. Nach dem Umzug waren alle Schnecken tot.“

Salat im Wasserfallrohr angebaut
Hier wächst der Salat in Etagen: In einem Wasserfallrohr lassen sich auf wenig Raum viele Salate anbauen.

Zinktöpfe und -wannen

Prof. Witt: „Die Schutzoxidschicht von Zinkwannen ist oft lädiert. Wenn der Boden einen sauren pH-Wert hat, lösen sich Zink-Ionen, die durch das Wasser in den Boden und von da aus auch in die Pflanzen dringen können. Ab einer bestimmten Menge ist das nicht mehr so gut, auch hier macht die Dosis das Gift. Weil Zink zu unseren essentiellen Spurenelementen gehört, sehe ich bei der Bepflanzung von Zinkwannen keine größeren Probleme.“

Pappe und Papier

Eine beliebte Methode zum Anlegen von Beeten ohne Umgraben ist das Abpappen. Dabei wird auf der geplanten Beetfläche Pappe so ausgelegt, dass sie den Boden vollständig bedeckt. Oben drauf kommt eine Lage Kompost und Mulch. Die Pappe verrottet nach und nach und lässt bis dahin das darunter wachsende Unkraut absterben. Auch Zeitungspapier findet im Garten Verwendung, z. B. als selbst gedrehte Anzuchttöpfchen. Dazu Gesine Witt: „Ich würde Pappe nicht unbedingt dahin legen, wo ich später etwas anbauen möchte. Zumindest dann nicht, wenn die Kartons bedruckt sind. Grundsätzlich kann man sagen, dass Pappe ohne Druck relativ unproblematisch ist. Bei bedruckten Pappen und auch bei Zeitungspapier besteht hingegen die Möglichkeit, dass Mineralölrückstände in den Boden übergehen. Wobei farbige Drucke, weil sie zusammengemischt werden, meist schadstoffintensiver sind als der rein schwarze Druck. Ich kann gar nicht verstehen, warum man aus Zeitungspapier Anzuchtbecher herstellen muss. Ich würde Kokosfaser immer vorziehen. Das Material kommt zwar von weit her, aber immerhin kann es, genauso wie Zeitungspapier, einfach mit eingepflanzt werden und zersetzt sich schadstofffrei.“

PET (Polyethylenterephthalat)

Aufgeschnittene PET-Flaschen gelangen als Mini-Gewächshäuser, als Schneckenschutz für Jungpflanzen oder als Anzuchtbehältnisse in den Garten. PET ist zwar für Lebensmittel zugelassen, setzt aber trotzdem mit der Zeit die gesundheitsschädigenden Stoffe Acetaldehyd und Antimontrioxid frei. Zusätzlich können hormonell wirksame Stoffe austreten. Professor Dr. Gesine Witt: „Wenn die Flaschen zerschnitten werden, etwa um sie als kleines Gewächshaus zu nutzen, wird ein Teil der Oberfläche zerstört. Dadurch können sich Schadstoffe leichter herauslösen. Wenn zusätzlich die Sonne auf die Oberflächen einwirkt und diese so ebenfalls angreift, erhöht sich das Risiko noch einmal. Untersucht wurde bislang immer nur, ob Schadstoffe ins Trinkwasser übergehen. Die Gefährlichkeit nimmt zu, wenn die Flasche immer wieder benutzt wird, also wenn die Oberfläche irgendwann zerstört wird. Das soll aber laut Bundesamt für Risikobewertung pro Flasche weit unterhalb der Konzentration sein, die schädigend wirkt. So wird das sicherlich auch sein, wenn man die Flasche zum Gärtnern nutzt.“

abgeschnittene PET-Flasche auf Salat
Hilft gegen Schnecken und kalte Temperaturen: abgeschnittene PET-Flaschen als Jungpflanzenschutz.

Autoreifen

Mitwachsende Kartoffeltürme aus gestapelten Autoreifen sind oft in Urban-Gardening-Projekten zu sehen. Eine tolle Sache? „Nein, ich würde das nie machen!“, sagt die Wissenschaftlerin. „Autoreifen werden aus Mineralölkohlenwasserstoffen hergestellt und man weiß ja, dass durch den Abrieb von Autoreifen mit Mineralölkohlenwasserstoff belastetes Mikroplastik entsteht. Die Mineralölkohlenwasserstoffreste gelangen in die Umwelt und können über den Boden in die Kartoffeln gehen. Noch problematischer als für uns ist das für die im Boden lebenden Organismen. Der Toxizitätstest mit Wasserflöhen, der so genannte Daphnientest, zeigt die Schädlichkeit von Mineralölkohlenwasserstoffresten sehr deutlich: Die Wasserflöhe sterben. Nachhaltig ist diese Art der Gärtnerei also nicht unbedingt.“

Was sich daraus ergibt? Professor Dr. Gesine Witt empfiehlt, lieber zweimal nachzudenken und  zu überlegen, welche Materialien man in welchen Mengen im Garten einsetzen möchte. Und im Zweifel auf natürliche Materialien zurückzugreifen, wie unbehandeltes Holz, Ton oder Stein. Außerdem möglich seien – zumindest für die Anzucht – Glas und Silikonförmchen, denn die sind biologisch nicht aktiv.

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Wie sieht das bei euch aus? Nutzt ihr solche ausrangierten Gegenstände im Garten oder seid ihr da eher vorsichtig? Erzählt doch mal! Gerne unten in den Kommentaren.

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Eine fünfteilige Serie über unseren Reihenhausgarten: „Mein Permakultur-Gärtchen“.

8 thoughts on “Gärtnern mit Müll: Wo beim Upcycling im Garten die Gefahren lauern

  1. Schließe mich den anderen Kommentaren an: Danke für den sehr informativen Beitrag! Ich muss gestehen, dass ich mir gar keine Gedanken über die Verwendung von Regenrohr oder Plastikflaschen gemacht habe… nach deinem Artikel werde ich nicht mehr so sorglos sein.

  2. Hallo,
    das war eine tolle Zusammenstellung an Informationen. Mein Augenmerk liegt aber etwas wo anders. Und zwar Müllvermeidung. Ich persönlich verwende auch lieber Eierkartons zum vorziehen. Wenn sich aber die eine oder andere PET-Flasche, durch Kinderhand, in den Haushalt geschlichen hat wird sie nichts desto trotz verwendet, auch mehrmals. Und zwar zum pikieren. Die Pflanzen verbringen eine überschaubare Zeit darin. Das muss aber jeder für sich entscheiden.
    Mich würde sehr interessieren ob Frau Dr. Witt auch etwas zur Wiederverwendung von Tetrapacks gesagt/geschrieben hat.
    Danke noch mal für den Artikel.
    Schöne Grüße, Kamila

    1. Hallo Kamila,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Über Tetrapacks habe ich Frau Prof. Witt leider nicht befragt. Aber ich hätte noch eine Ergänzung zu deinen PET-Flaschen: Es gibt Kunststoffe, die weniger bedenklich sind als PET. Manche Joghurtbecher, aber auch andere Verpackungen bestehen aus PP und PE. Diese Kunststoffe enthalten in der Regel keine Weichmacher. Die könnte man ebenfalls zur Anzucht verwenden.
      Liebe Grüße sendet
      Katka

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