Eckart Brandt – Hüter der vergessenen Äpfel ?>

Eckart Brandt – Hüter der vergessenen Äpfel

Alte Apfelsorten sind Eckart Brandts Leidenschaft. Mehr als 300 Sorten beherbergt er in seinem „Boomgarden Park“ in Helmste im Alten Land. Seine Außenseiter-Kindheit, sein Geschichtsstudium und seine damalige Blauäugigkeit haben die Entstehung dieses Apfelsorten-Genpools erst möglich gemacht.

Eckart Brandt ist anderer Meinung. Er will nicht den Mainstream, die Gleichschaltung oder den „Golden Delicious“. Der Apfelbauer aus dem Alten Land zieht die Vielfalt vor, kämpft für mehr Weite. Denn Enge kann er nicht ausstehen. Zu begrenzt war seine Kindheit, die er in einem streng-evangelikalen Elternhaus auf dem platten Land in Niedersachsen verbrachte. Während eines Kirchenstreits um 1960 bewarfen ihn die Lutheranerkinder mit Steinen, nur weil er einer Freikirche angehörte. Obendrein setzen ihn seine Eltern unter Druck. Er sollte Organist werden und dann als Missionar nach Südamerika gehen. Doch Eckart Brandt wollte das alles nicht. Diese „Außenseiter-Sozialisation“ – wie er die Erfahrungen seiner Kindheit zusammenfasst – erweckten in ihm ein großes Interesse für Minderheiten und Nebenwege.

Als Historiker aufs Land zurück

Ein weiteres Interesse führte ihn nach Hamburg: Zehn Jahre studierte er hier Geschichte, Anglistik und Germanistik. Doch statt einen akademischen Berufsweg einzuschlagen, zog er mit seinem damaligen „eheähnlichen Verhältnis“ zurück aufs Land, um dort in den Biolandbau einzusteigen.

Eckart Brandt erzählt aus seinem Leben.
Mit romantisch-naiven Bio-Plänen zog Eckart Brandt nach seinem Studium in Hamburg zurück ins Alte Land.

Die Apfelkiste der Selbstständigkeit fast an die Wand gefahren

„Das war damals sehr blauäugig von mir“, sagt er und faltet seine Hände über seiner graublau-verwaschenen Jeansjacke zusammen. Seine frisch-ländlichen Apfelbäckchen und die rotblonden, wilden Locken setzen einen deutlichen Kontrast zu seinem verblichenen Karohemd. Sein Blick schweift ab in die Baumkronen, ins Irgendwo der Wolken auf der anderen Seite des kleinen Sees im Hamburger City-Park „Planten un Blomen“. „Ich hatte mir das alles so ganz einfach ausgedacht. Ohne Ausbildung und nur mit den Kenntnissen, die ich von zu Hause und von meinem obstbauernden Onkel hatte, habe ich angefangen mit dem Bioanbau.“ Sein Plan: Einfach die Spritzmittel weglassen. Gut für die Pflanzen und gut für die Bienen, dachte Brandt, der auch als Imker tätig war. Das hatte schnell katastrophale Folgen. In nur zwei Jahren ging die Ernte auf zehn Prozent des Volumens zurück, das sein Vorgänger auf derselben Fläche eingefahren hatte. Einige Bäume hatten nicht mal mehr Blätter. „Ich hätte die Kiste meiner Selbstständigkeit fast an die Wand gefahren. Was ich da gepachtet hatte, waren Anbauflächen, die nach allen Regeln der Chemie gepowert waren. Die Sorten, die dort wuchsen, waren allesamt nicht für den Bioanbau geeignet. Die waren viel zu empfindlich.“

Brandt gibt den Bio-Blödsinn nicht auf

Doch aufgeben wollte Eckart Brandt nicht. Er erhöhte die Kredite, arbeitete härter und machte weitere Pläne. Seine Lebenspartnerin, eine Drehbuchautorin, hielt die Biobauernträume ihres Mannes für „Blödsinn“ und setzte ihm die Pistole auf die Brust. Aber Brandt blieb seinem Traum treu, die Beziehung ist darüber zerbrochen.

Ein gelangweilter Elektriker verpachtet Brandt neues Land

Er fand neues Land mit alten Apfelbäumen, klassischen Hochstämmen, die zum Teil in den 30er-Jahren gepflanzt worden waren. Der Sortenspiegel umfasste alte Sorten wie Finkenwerder Herbstprinz, Ingrid Marie und den Horneburger Pfannkuchenapfel. „Der Vorbesitzer hatte das Land sehr extensiv bewirtschaftet, selten gespritzt und sich wenig gekümmert, weil er neben seinem Elektrikerjob gar keine Lust auf Obstanbau hatte. Trotzdem hat er ganz manierliche Früchte geerntet. Ich konnte ihm die Fläche abschnacken und habe sie bis Ende 2016 bewirtschaftet“, erzählt Eckart Brandt.

Ein Apfel-Genpool entsteht

Er erkannte immer deutlicher, dass gerade die alten Sorten sich bestens für den Bioanbau eigneten. Und so begann er zu sammeln. Die Recherchetechniken und Auswertungsmethoden, die er sich während seines Studiums angeeignet hatte, kamen ihm dabei sehr zupass. Außerdem startete er Aufrufe in der lokalen Presse, um möglichst viele alte Sortenschätze zu ergattern, die oft unbeachtet in Privatgärten wuchsen. So entstand mit der Zeit eine stattliche Sammlung. Aktuell beherbergt Brandt zwischen 300 und 350 alte Sorten auf seinen Anbauflächen. Ein veritabler Genpool, der möglicherweise einen Teil des Klimawandels abfangen kann. Schon jetzt würden sich die steigenden Temperaturen auf so manche Sorten wie den Cox oder den Holsteiner Cox ungünstig auswirken, so dass diese Sorten immer weniger angebaut werden würden.

Eckart Brandt im Grünen
Über 300 Apfelsorten beherbergt Eckart Brandt in seinem Boomgarden („Baumgarten“) Park im niedersächsischen Alten Land.

Der Apfel als Lebensabschnittspartner

Und Brandts Lieblingssorte? „Die gibt es nicht!“, sagt der Apfelkundler und ergänzt dann: „Ich will mich da nicht festnageln lassen, aber der Finkenwerder Herbstprinz liegt weit vorne. Allerdings wäre es albern, im September den Herbstprinzen als Lieblingsapfel auszugeben. Der ist nämlich erst ab Oktober erntereif. Jede Sorte hat ein Zeitfenster, in dem sie ihr geschmackliches Optimum erreicht. Das Ganze ist also ein bisschen so wie mit Lebensabschnittspartnern: Zu einer bestimmten Zeit sind sie die Größten.“

Eckart Brandt beißt in einen Apfel.
25 Kilo Äpfel verzehrt der Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Eckart Brand isst sicher mehr.

Bananentage und Apfelallergiker

Gibt es für Brandt eigentlich auch Tage ohne einen einzigen Apfel? „Klar, die gibt es. Ich bin ja kein Apfel-Fanatiker, obwohl mich manche Leute gerne in diese Kiste stecken würden. Ich kann den Tag gut auch mal mit einer Banane anfangen“, sagt Brandt mit einem hintergründigen Lächeln. Er blinzelt ein wenig in die Sonne und lässt seine kräftigen, sonnenbesprossten Finger durch sein naturnahes Haar tanzen. Er rutscht sich auf seinem Sitz zurecht und erzählt dann über das große und ziemlich neue Thema Apfelallergie. Als er mit dem Bioanbau begonnen habe, sei das gar kein Thema gewesen. Heute hingegen würden sehr viele Menschen unter dieser Unverträglichkeit leiden, was vermutlich an den herausgezüchteten Phenolen der modernen Einheitssorten liege. Bei alten Apfelsorten sei die Verträglichkeit erheblich höher. Eine Geschichte ist ihm in diesem Zusammenhang noch sehr präsent: „Als ich vor einigen Jahren im Kiekebergmuseum am ‚Apfeltag‘ teilgenommen habe, kam eine Frau ganz aufgeregt zu mir und fragte mich nach einer Apfelsorte, die sie vielleicht vertragen könnte. Ich gab ihr einen Apfel und sie verschwand wie ein Schulmädchen, das sich keine Blöße geben wollte, mit dem Apfel irgendwo im Gebüsch. Dann kam sie wieder und machte Luftsprünge vor Freude, weil sie seit 16 Jahren endlich einen Apfel gefunden hatte, den sie vertrug. Das geht einem schon gut runter, wenn man so einen Gefühlsausbruch von Lebensfreude mit verursachen kann.“

Eckart Brandt hält zwei Äpfel in den Händen.
Ein fruchtiger Schatz aus vergangenen Zeiten: Fast vergessene Apfelsorten aus dem Alten Land.

Die Zukunft des Boomgarden Parks

Eckart Brandt ist nicht zu stoppen. Er hat jede Menge Pläne, obwohl er im Sommer offiziell in Rente geht. Körperlich werde es als Apfelbauer mit zunehmendem Alter schwieriger. „Dem muss man Rechnung tragen“, meint Brandt, der Ende 2016 seine Hauptanbaufläche schon abgegeben hat. Nun will er seinen Arbeitsschwerpunkt verlegen. Er zieht mit seiner jetzigen Frau Judith Bernhard von Großwörden in seinen Apfelsorten-Garten „Boomgarden Park“ nach Helmste, um dort weitere Projekte in Angriff zu nehmen. Ein Wirtschaftsgebäude für seine Gerätschaften und Maschinen steht ebenso auf dem Plan wie ein Umwelt- und Naturzentrum mit Veranstaltungsräumen, sowie einem Café, einem Hofladen und Verarbeitungsräumen, in dem ein Behindertenprojekt integriert werden könne. Außerdem will Brandt sein Programm für Kindergärten und Schulgruppen ausweiten. Führungen und Seminare rund um die naturnahe Landwirtschaft stehen ohnehin schon auf seiner Agenda. Permakultur soll zukünftig ebenfalls eine Rolle im „Boomgarden Park“ spielen. Brandts Frau schließt gerade eine Ausbildung zur Permakultur-Designerin ab und sei in dieser Hinsicht eine „Visionärin, mit so großen Plänen, dass einem fast schon schwindelig wird“.

Ein neues Buchprojekt

Auch ein neues Buch ist in Planung. Sechs Bücher hat der umtriebige Pomologe bereits geschrieben, zwei davon in Zusammenarbeit mit seiner Frau Judith. Das neue Buch mit dem Arbeitstitel „Es geht doch…“ soll wieder eine Gemeinschaftsproduktion werden und gleich drei Themen vereinen: Brandts Beitrag sind die alten Sorten von Äpfeln, Beeren, Birnen und Co. Judith Bernhard bringt Prinzipien und Elemente der Permakultur mit ein und der als „Hühnerrebell“ bekannte Biobauer Niels Odefey propagiert seine naturnahe Hühnerhaltung. „Allerdings müssen wir da noch eine Menge experimentieren, was wirklich gut zusammenpasst und funktioniert. Das wird bestimmt noch ein bisschen dauern“, meint Eckart Brandt.

Seltsam modern erscheint seine Umhängetasche, aus der er einen zu Anschauungszwecken mitgebrachten Apfel zieht. Er beißt hinein und erzählt dabei weiter über den Chinesischen Erbsenstrauch als Stickstoffsammler, über seine wunderbar ideenreiche Frau und über die nächste Ernte, die aufgrund der Spätfröste wohl dürftig ausfallen wird. Den Apfelknust lässt er locker aus dem Handgelenk hinter sich ins Gebüsch fliegen. Ob daraus wohl ein neuer Apfelbaum wird? Kann sein. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Äpfel dieses Baumes auch schmecken. Aber das ist eine andere Geschichte. . .

 

Bitte beachten: „Grüne Töne“ leitet keine Anfragen, Kommentare oder sonstigen Mails an Eckart Brandt weiter. Wenn Ihr mit Herrn Brandt in Kontakt treten möchten, dann schaut bitte auf seiner eigenen Website vorbei: www.boomgarden.de

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