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„Die Tage des Gärtners“ von Jakob Augstein

Rittersporn ist eine überschätzte Pflanze, Igel blühen nicht und Nutzgarten ist DDR: Mit Witz, steilen Thesen, literarischen Exkursen und pflanzenkundlichem Fachwissen führt Jakob Augstein durch’s Gartenjahr.

Dieses Gartenbuch ist anders – provozierend, lustig, bildend, verschärft meinungsstark und weit entfernt von einem klassischen Garten-Ratgeber. Schon auf den ersten Seiten stellt der Berliner Verleger und Journalist Jakob Augstein klar, dass er dem Trend zum naturnahen Gärtnern nichts abgewinnen kann : „Vergessen Sie das Gerede von der Natürlichkeit der Gärten. Der Garten ist kein natürlicher Ort, sondern ein künstlicher. Er ist ein Produkt menschlicher Arbeit, nicht natürlicher Fügung.“

Dieser Gedanke zieht sich konsequent durch das gesamte Buch, in dem Augstein den Jahreszeiten folgt und über das Ackern, Walten und Träumen aber auch über die Rückschläge auf seinen eigenen 1400 Quadratmetern Garten berichtet. Gespickt mit unzähligen literarischen Einwürfen unter anderem von Ovid, Oscar Wilde, E.T.A. Hoffmann und Leo Lionnis Mäusekind Frederik wird das Ganze zu einem Lesevergnügen auf hohem Niveau.

Von charakterlosen Eiben und überschätztem Rittersporn

Jakob Augstein hält mit seinen Vorlieben und Abneigungen nicht hinterm Busch. Das ist amüsant und kurios zugleich. Nadelgehölze beispielsweise kann er gar nicht leiden, besonders die Eiben, die mit „ihrem widerspenstigen Wuchs sicher zu den düstersten und trübsinnigsten Gewächsen“ gehören, sind ihm ein Graus: „Ihre Charakterlosigkeit liegt im völligen Fehlen jeder Bedürfnisse.“ Auch dem Rittersporn begegnet er mit Widerwillen: „Vollkommen überschätzte Pflanzen sind das. Und ein Festessen für Schnecken. Ein Rat am Rande: Lassen Sie bloß die Finger vom Rittersporn!“

Igel blühen nicht

Genauso ablehnend begegnet er der Idee des Nutzgartens. Der nämlich ist für ihn typisch DDR „wo sich alles beständig und Rübe, Rettich um Radieschen dreht“.  Biogärtner hält Augstein für Träumer und Gift im Garten für gut. Das klingt dann so: „Mein Rat: Streuen Sie Schneckenkorn. Und wenn auf der Packung steht, dass Sie nur eine Handvoll nehmen sollen, dann nehmen sie bitte im Interesse Ihrer Pflanzen die doppelte Menge. Mindestens. Es gibt in den meisten Gärten sowieso kaum Igel. Und Igel blühen auch nicht.“

Funkien, Hortensien, Storchschnabel und Zwiebelblumen hingegen gehören zu seinen Favoriten, über die er immer wieder ins Schwärmen gerät. Genauso wie über Rhododendren und Rosen.

Ein Fest für Phyto-Nerds

Fachkundiges liefert Augstein reichlich, etwa in seinem Exkurs über die 26000 Kulturformen der Narzissen oder über die Taxonomie, also die Ordnungs- und Klassifikationslehre der Pflanzen, die er am Beispiel des Leberblümchens durchexerziert. Das nämlich gehört zum Reich der mehrzelligen Pflanzen, zur Diviso der Magnoliophyta, zur Subdivisio der Magnoliophytina… und etliche Zeilen später zum Genus der Anemone. Für den durchschnittlich interessierten Gartenfreund ist das sicher eine Herausforderung, für den Phyto-Nerd aber kann das durchaus befriedigend sein.

Ich liebe dieses angriffslustige, heitere und geistreiche Buch – auch wenn mein Herz beim Anblick meiner selbstgesäten Kohlrabis zu hüpfen beginnt, wenn ich Igeln das Recht auf Unversehrtheit zugestehe und auch wenn ich Gift im Garten nicht für den wahren Jakob halte.

Die Tage des Gärtners - Rückansicht Cover

„Die Tage des Gärtners – Vom Glück, im Freien zu sein“ von Jakob Augstein, erschienen 2012 im Carl Hanser Verlag, München. Seit 2013 auch erhältlich als Taschenbuch, dtv Verlagsgesellschaft München.

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